WARSCHAU – Polen – eines der größten Länder in der Europäischen Union - entwickelt sich weiter solide. Die Gesamtwirtschaft ist bisher im laufenden Jahr stetig gewachsen. Und auch die Prognosen fürs Gesamtjahr weisen darauf hin, dass das Land in naher Zukunft keine Rezession erleben wird. Da Polen auch kein Mitglied der Euro-Zone ist, wird dieser Markt auch weniger stark von der derzeitigen Krise um die Gemeinschaftswährung in Mitleidenschaft gezogen. Von dieser Entwicklung profitieren die polnischen Aluminiumhersteller, die auch internationale Großkonzerne bedienen. „Wir beobachten bereits seit der zweiten Jahreshälfte 2010 eine zunehmende Belebung des Absatzes auf den inländischen und auch auf den ausländischen Märkten“, berichten die Analysten des polnischen Investmenthauses BRE Dom Inwestycyjny – einer Tochtergesellschaft der Commerzbank.
Ein wichtiger Produzent ist der südpolnische Industriekonzern Grupa KÄ™ty aus der gleichnamigen Handelsstadt, die etwa 40 Kilometer nördlich von der slowakischen Grenze entfernt liegt. Die Gemeinde, die etwa 20.000 Einwohner und eine ausgeprägte Industrie hat, lässt sich von Deutschland aus in etwa fünf Autostunden erreichen. Das Unternehmen beschäftigt insgesamt 2.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ist damit nicht nur im Ort einer der wichtigsten Arbeitgeber, sondern auch in der gesamten südpolnischen Region. Der Hersteller ist seit 14 Jahren an der Warschauer Börse notiert und zieht deswegen die Aufmerksamkeit der Analysten und der Investoren auf sich.
„Die Ergebnisse waren im ersten Halbjahr sehr gut“, freute sich der Vorstandsvorsitzende Dariusz MaÅ„ko bei der Vorlage des Zahlenwerkes, das überwiegend Zuwächse in zweistelliger Höhe aufwies. Die Umsätze erhöhten sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 29,1 Prozent auf 687,9 Millionen Zloty (rund 160 Millionen Euro).
40prozentiger Gewinnsprung
Darüber hinaus kletterte der Gewinn vor Zinsen und Steuern (EBIT) um 40 Prozent auf 67,8 Millionen Zloty (15,6 Millionen Euro). Netto standen unterm Strich 49,7 Millionen Zloty (11,5 Millionen Euro). Zwölf Monate war das Plus noch 44,9 Prozent geringer gewesen. „Wir bestätigen unsere Prognosen fürs Gesamtjahr“, führte der Vorstandschef weiter aus. Die Industriegruppe rechnet somit weiter mit einer Steigerung des Nettogewinns um vier Prozent auf 94,3 Millionen Zloty (21,7 Millionen Euro) sowie einer Erhöhung des Erlöses um 12 Prozent auf 1,4 Milliarden Zloty (320 Millionen Euro).
Die Wachstumstreiber waren dabei die Geschäftssegmente „Aluminiumprofile“ und „Aluminiumsysteme“, deren Umsätze um 31,2 Prozent bzw. 23,9 Prozent stiegen und wichtige Beiträge zum Gesamterlös und zu den Ergebnissen beisteuerten. Die Abnehmer stammen unter anderem aus der Automobil- und der Bauindustrie. Bei den „Aluminiumprofilen“ hatten sich insbesondere die Investitionen aus dem vergangenen Jahr bemerkbar gemacht. Hier hatte für KÄ™ty 61,9 Millionen Zloty (14,3 Millionen Euro) neue Maschinenparks erworben.
„Die Aluminiumpreise sind im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 13,4 Prozent geklettert“, erklärten die Analysten von BRE Dom Inwestycjyny einen weiteren Grund für diese Entwicklung. „Darüber hinaus hat sich das Absatzvolumen im In- und Ausland erhöht“, analysierten sie. Das Unternehmen habe dabei Abnehmer in der Ukraine, in Deutschland und Österreich, aber und in Italien gefunden. Weitere Verkaufsländer waren Ungarn, in Großbritannien, Tschechien und Rumänien.
Breit aufgestellt
Insgesamt ist die Gruppe weniger anfällig gegenüber konjunkturellen Schwankungen, weil sie relativ breit aufgestellt ist. Sie stellt auch flexible Verpackungen für die Lebensmittelindustrie her, die unter anderem Laminate mit Aluminium enthalten. Hier steigerten sich die Erlöse um 12,8 Prozent. Der Anteil dieses Segments am Gesamtumsatz liegt bei knapp einem Viertel. Ein wichtiger Kunde ist Nestle, das in Polen insgesamt neun Fabriken unterhält, womit dieses Land ein gewichtiger Produktionsstandort für den Schweizer Konzern ist. Gerade in diesem Segment gab es zuletzt nach der Halbjahrespräsentation positive Nachrichten. KÄ™ty erhielt im Juli vom Schweizer Konzern einen neuen Lieferauftrag, der bis Ende 2012 gelten soll. Der Wert liegt bei 61,7 Millionen Zloty (14,2 Millionen Euro).
Auch der polnische Konkurrent Impexmetal aus Warschau blickt optimistisch nach vorne. Der Hersteller von Blechen erreichte ebenso wie der Mitbewerber nach den ersten sechs Monaten eine Steigerung beim Erlös um 25 Prozent auf 1,5 Milliarden Zloty (rund 380 Millionen Euro). Der operative Gewinn erhöhte sich sogar um 70 Prozent auf 81 Millionen Zloty (20 Millionen Euro). Netto gab es sogar eine Erhöhung um 80 Prozent auf 64 Millionen Zloty (16 Millionen Euro). Das Unternehmen ist wie KÄ™ty an der Börse notiert. Der Eigentümer ist der polnische Großindustrielle Roman Karkosik, der über ein Geflecht unterschiedlicher Industriefirmen verfügt, die miteinander verbunden sind. Der Manager gehört zu den vermögendsten Männern im Land.
Impexmetal: Die Hälfte des Absatzes in den Export
„Wir gehen davon aus, dass es im Gesamtjahr keine Probleme geben wird, beim Nettogewinn das Niveau von 90 Millionen Zloty (22,5 Millionen Euro) zu überschreiten“, sagte der Vorstandsvorsitzende Piotr Szeliga. Dieses Niveau dürfte sein Unternehmen auch dann erreichen, wenn sich die Lage am Markt wieder abschwächen sollte. Ein Problem: Die Hälfte des Absatzes ist für den Export bestimmt, wobei ein gewichtiger Teil auch in die westlichen Märkte geht. Die Euro-Krise und mögliche Turbulenzen an den westlichen Kapitalmärkten können sich somit auch direkt auf den polnischen Hersteller auswirken.
Ähnlich optimistisch bewerten auch die Analysten von BRE Dom Inwestycyjny die weitere Entwicklung. Sie hoben im August für Impexmetal sogar ihre Prognose für den Nettogewinn auf 103,4 Millionen Zloty (26 Millionen Euro) an. Der Mitbewerber Kety dürfte 2011 ein Plus von 97,7 Millionen Zloty (24 Millionen Euro) verbuchen. Folgerichtigerweise geben sie damit auch für die gesamte Branche einen positiven Ausblick: „Die allgemeine Wiederbelebung des Absatzes, die wir gerade beobachten, wird dazu führen, dass sich die Unternehmen langsam dafür entscheiden, die Preise für ihre Produkte zu erhöhen“, prognostizierten die Fachleute. „Das heißt auch weiter höhere Gewinnmargen.“
September 15th, 2011
WARSCHAU - Der polnische Energiemarkt – einer der größten innerhalb der EU – lockt die internationalen Investoren wie die französischen Energie-Riesen Dalkia, EdF oder den deutschen Konzern RWE schon seit langem mit seinem gewaltigen Potenzial: Das Land mit seinem etwa 40 Millionen Einwohnern verfügt etwa über die Hälfte des Volumens von Deutschland, und seine Wirtschaft wächst seit Jahren schon stetig auf stabilem Niveau.
20 Jahre nach dem Fall des Kommunismus ist Polen immer noch dabei, seine alten Versorgungsstrukturen abzulegen. Viele alte Kohle-Kraftwerke und Wärmenetze müssen unbedingt modernisiert und an die EU-Standards angepasst werden. Das erfordert in den kommenden Jahren Investitionen von 50 Milliarden Euro, damit die wachsende Nachfrage weiter gestillt werden kann, schätzen Experten. Und jetzt gibt es einen weiteren Schub. Ende Juli hat Dalkia das Warschauer Energieunternehmen SPEC übernommen, das mit einem Wärmenetz von etwa 1.700 Kilometer der größte Netzbetreiber seiner Art in Europa ist …
August 17th, 2011
Das Börsendebüt des polnischen Kokskohlekonzerns Jastrzebska Spolka Weglowa (JSW) ist hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Die Aktie des Konzerns, der zu den größten Herstellern Europas gehört, hat nach der ersten Woche eine Steigerung von 1,8 Prozent auf 138,90 Zloty (34,45 Euro) erzielt. Analysten waren von Zuwächsen im zweistelligen Prozentbereich ausgegangen. Viele Kumpel fühlten sich danach fast betrogen, weil sie der Privatisierung besonders skeptisch gegenüber stehen. Sie hatten im Vorfeld des Aktienangebotes Befürchtungen, sie könnten danach ihren Arbeitsplatz verlieren. Dieses Initial Public Offering (IPO) ist das größte im laufenden Jahr in Polen. Die polnische Regierung hat insgesamt 33,1 Prozent der Aktien angeboten. Der Wert des IPO betrug 5,4 Milliarden Zloty (1,3 Milliarden Euro). “Der Markt für Kokskohle befindet sich insgesamt in einer sehr guten Verfassung, und seine Perspektiven sind nach wie vor vielversprechend”, sagte der JSW-Vorstandsvorsitzende Jaroslaw Zagorowski. Das Unternehmen hat im vergangenen Jahr seine Erlöse im Vergleich zum Vorjahr um knapp 60 Prozent auf 7,3 Milliarden Zloty (1,8 Milliarden Euro) gesteigert. Der Nettogewinn betrug 1,5 Milliarden Zloty (370 Millionen Euro). Im Vorjahr hatte der Konzern noch einen Verlust von 670 Millionen Zloty (minus 170 Millionen Euro) verbucht.
July 12th, 2011
MOSKAU - Die russischen Stahlunternehmen haben bisher 2011 einen klaren Wachstumskurs eingeschlagen. Russland hat nach den ersten drei Monaten seine Produktion im Vergleich zum Vorjahr um 10,8 Prozent auf 17,6 Millionen Tonnen erhöht. Damit liegen die Russen noch über der Entwicklung des Weltmarktes, der ein Plus von 9,7 Prozent aufwies. Und wenn es nach den Konzernen geht, dürfte dieses Wachstum auch im gesamten Jahr anhalten.
“Wir gehen davon aus, dass im Jahr 2011 unsere russische Stahlproduktion im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent klettert”, sagte der Vorstandsvorsitzende Oleg Fedonin von OJSC “Magnitogorsk Iron and Steel Works” (MMK). Sollte der Hersteller diese Prognose erreichen, würde er seinen Wachstumstrend aus dem vergangenen Jahr stetig fortsetzen. Das Unternehmen hatte ein Volumen von 11,4 Millionen Tonnen erreicht und sich sogar gegenüber dem harten Krisenjahr 2009 um 19 Prozent gesteigert. Der Bergbau- und Stahlkonzern kontrolliert einen Anteil von etwa 17,7 Prozent und nimmt damit eine gewichtige Position am Markt ein.
Und auch bei diesem Unternehmen stehen die Zeichen ganz klar auf Wachstum: MMK hat 2010 seine Erlöse im Vergleich zum Vorjahr um satte 52 Prozent auf 7,7 Milliarden Dollar erhöht. Und auch die Ergebnisse stimmten wieder. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) kletterte ebenso zweistellig um 23 Prozent auf 1,6 Milliarden Dollar. Weltweit ist die Nachfrage wieder gestiegen, worauf der Konzern auch sofort reagiert hat. “Wir investieren in die Modernisierung und den Ausbau der Kapazitäten”, erklärte Fedonin. Bis 2015 sollen die jährlichen Volumina auf 18 Millionen Tonnen gesteigert werden. Eine wichtige Rolle wird das Werk der Russen in der Türkei spielen, das ab 2013 eine Jahreskapazität von 2,3 Millionen Tonnen aufweisen soll. Damit tragen die Russen dem rasanten Wachstum dieses Landes in der jüngsten Vergangenheit Rechnung, das sich weltweit immer mehr als Stahlstandort profiliert. Allerdings bleibt der Schwerpunkt des Geschäftes von MMK nach wie vor in Russland.
Evraz erneuert Anlagen
Ähnlich sieht es beim Konkurrenten Evraz aus, der im vergangenen Jahr seinen Erlös um 37 Prozent auf 13,4 Milliarden Dollar gesteigert hat. Der Stahl-Riese will im laufenden Jahr für 1,2 Milliarden Dollar seine Anlagen modernisieren und vergrößert seine Investitionssumme im Vergleich zum Vorjahr um 45 Prozent. Eine besondere Rolle wird der Baubranche spielen: “Die russische Nachfrage wird hier im Vergleich zu 2010 um zehn Prozent steigen”, sagte der Vorstandsvorsitzende Alexander Frolov. Dabei zieht das Unternehmen seinen Nutzen aus einer verbesserten Bewertung durch die internationale Agentur Fitch. Die Analysten setzten im April ihr Rating von “B+ (stabil)” auf “BB- (stabil)” herauf. Russland werde künftig verstärkt in die Infrastruktur investieren. Außerdem wird sich ihrer Auffassung nach die Baubranche immer mehr entwickeln. “Davon wird Evraz profitieren”, heißt es in der Begründung.
Insgesamt sieht es nicht schlecht aus: Die Nachfrage steigt, die Unternehmen weisen hohe Zuwächse auf und setzen auf Investitionen. Vom Erfolg dieser Modernisierung wird es letztlich abhängen, ob Russland dauerhaft seine Produktion halten und entwickeln kann. Denn andere Länder wie Südkorea sitzen den Russen im Nacken und könnten ihnen ihre jetzige Position streitig machen. Die Asiaten, die über wesentlich geringere Eisenvorkommen verfügen, haben in der jüngsten Vergangenheit zweistellig Zuwächse aufgewiesen – und zwar einfach deswegen, weil sie über eine bessere Technologie verfügen. Und daran müssen die russischen Konzernchefs auch denken.
July 11th, 2011
KIEW - Die Zeichen stehen in der Ukraine auf kontinuierlichem Wachstum. Die Hersteller haben bis Ende Februar ihre Produktion von Stahlfertigerzeugnisse im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 13 Prozent auf 4,9 Millionen Tonnen gesteigert. Darüber hinaus erhöhte sich das Rohstoff-Volumen um neun Prozent auf 5,5 Millionen Tonnen. Diese Entwicklung hatte sich auch schon im vergangenen Jahr angedeutet, als die Rohstahlproduktion im Vergleich zum Krisenjahr wieder um 13 Prozent auf 34 Millionen Tonnen kletterte. Dabei profitiert der Markt von der verbesserten Gesamtwirtschaft. “Das Land erholt sich weiter nach der Krise”, sagte Chef der IWF-Mission in der Ukraine, Athanasios Arvanitis. Seinen Aussagen zufolge sind beträchtliche Fortschritte zu sehen. Der IWF unterstützt die Wirtschaft seit Juli 2010 mit einem Kreditprogramm von 15,2 Milliarden US-Dollar, das sich über zweieinhalb Jahre erstreckt. “Das Bankensystem gewinnt nun wieder an Vertrauen, und der Depositenzufluss zu den ukrainischen Finanzinstituten steigt”, fügte Arvanitis hinzu.
Hintergrund: Diese finanzielle Stabilisierung ist deswegen besonders wichtig, weil während der Finanzkrise an den internationalen Märkten immer wieder die Angst vor einem Staatsbankrott die Runde gemacht hatte. Außerdem waren 2009 das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 15,1 Prozent und damit auch die Industrieproduktion um 24,5 Prozent eingekracht. Und hatten so für viel Unruhe unter den Investoren gesorgt, die nun aber wieder optimistischer nach vorne schauen. Dazu hat nicht zuletzt die Entwicklung des BIP beigetragen, das sich im vergangenen Jahr wieder um 4,2 Prozent erholt hat.
Das gibt auch dem Marktführer in der Ukraine, Metinvest, wichtige Wachstumsimpulse. Der Stahl-Gigant erhöhte nach den ersten neun Monaten 2010 seine Erlöse im Vergleich zum Vorjahr um 54,8 Prozent 6,8 Milliarden US-Dollar. Der Nettogewinn legte sogar um 154 Prozent auf 873 Millionen Dollar zu. Die Gruppe des ukrainischen Großindustriellen Rinat Achmetow wurde im vergangenen Jahr gegründet und gilt als der größte Stahl- und Hüttenproduzent in der gesamten GUS. Mit einem jährlichen Rohstahl-Volumen von mehr als 16 Millionen Tonnen kontrolliert das Unternehmen 35 Prozent des ukrainischen Marktes. Damit ähnelt Metinvest der deutschen ThyssenKrupp, die in Deutschland mit etwa 15 Millionen Tonnen und etwas weniger als 35 Prozent der Anteile den Markt unter Kontrolle hat.
Allerdings gibt ein gewichtiges Problem. Metinvest muss einen Großteil seines notwendigen Umbaus mit Schulden finanzieren. Besonders wichtig ist die Einbindung des Stahlunternehmens Ilyich I&SW das Metinvest im November des vergangenen Jahres übernommen hat. Es verfügte bis dato über keine eigene Eisenerz-Produktion. Durch diese Akquisition kann das Unternehmen nun auf die Ressourcen von Metinvest zurück greifen, das sich auch in diesem Geschäftsfeld engagiert. “Ilyich I&SW wird in den kommenden fünf Jahren seine Produktion beträchtlich erhöhen”, kündigte ein Sprecher von Metinvest an. Die Herstellung von Rohstahl soll seinen Aussagen zufolge um 15 Prozent auf acht Millionen Tonnen steigen. “Die Volumina von Sinter-Produkten werden sich um 28 Prozent auf 16 Millionen Tonnen pro Jahr erhöhen”, sagte der Sprecher. Das werde Milliarden von Dollar erfordern und Ilyich I&SW zu einem komplett neuen Unternehmen umformen.
Wie diese Modernisierung finanziert werden soll, sagte er allerdings nicht. Dabei ist der Schuldenstand schon jetzt gewaltig: Die Verbindlichkeiten wuchsen von Januar bis September 2010 um ein Drittel auf 2,5 Milliarden Dollar. Wenn sich diese Summe noch weiter vergrößert, dann könnte das für die geschäftliche Entwicklung des Marktführers negative Folgen haben. Und damit auch für den gesamten ukrainischen Markt.
July 11th, 2011
WARSCHAU – Als Polen vor acht Wochen den chinesischen Konzern COVEC für den Bau zweier wichtiger Autobahnabschnitte im eigenen Land engagierte, war zumindest der polnische Infrastrukturminister Cezary Grabarczyk noch zufrieden: Der Schleuderpreis von 330 Millionen Euro für die knapp 50 Kilometer Straße, den COVEC dafür veranschlagt hatte, schien ein Schnäppchen zu sein, das den arg strapazierten Staatshaushalt weniger stark belasten würde. Und deswegen hatte er sich auch dafür stark gemacht, dass die Chinesen diesen prestigeträchtigen Auftrag erhalten sollten. Schließlich bereitet sich das Land gerade auf die Fußball-EM 2012 vor, die Polen einen hohen internationalen Image-Gewinn bringen soll. Und gerade dieses Projekt ist besonders wichtig, weil diese Strecken Warschau mit der Industriestadt Lodz verbinden sollte. Auf ihr werden die Fans aus ganz Europa in die polnische Hauptstadt fahren – so der Plan.
Doch nun hat Polen ein massives Problem: COVEC hat vor kurzem den Bauauftrag wider Erwarten gekündigt. Und die wichtigen Trassen werden mit Sicherheit nicht wie geplant fertig. Doch den meisten Schaden tragen damit die Chinesen selbst davon, weil sie sich mit diesem Auftrag eigentlich für weitere Aufgaben an den lukrativen europäischen Märkten empfehlen wollten. “Wir haben nicht das gesamte Ausmaß der Probleme vorhergesehen, die am polnischen Markt auftreten können”, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von COVEC, Tsen Yeh Fenga. Es seien zusätzliche Kosten aufgetreten, die ein Unternehmen in Polen übernehmen müsse, die jetzt dazu führten, dass COVEC nun einen massiven Verlust einfahre. “Außerdem ist der Investor Polen auch noch ziemlich unflexibel aufgetreten”, erklärte das COVEC-Vorstandsmitglied.
Sich so zu verkalkulieren, ist schon ein starkes Stück. Und es hat wieder eine Diskussion um die wahre Bedeutung der Chinesen begonnen: Einerseits gelten sie als die kommende Wirtschaftsweltmacht. Der IWF hat gerade im April eine neue Langzeitprognose erstellt und vorhergesehen, dass das Riesen-Reich bereits 2016 die USA als Weltmarktführer ablösen könnte. Andererseits bewertet man ihre Waren und Dienstleistungen eigentlich als qualitativ minderwertig – also als ein Land, das Billig-Ramsch produziert. Und dieses missratene Projekt scheint diese Auffassung wieder zu bestätigen.
“Verpasste Chance, um Image zu verbessern”
“Das ist mit Sicherheit eine verpasste Chance für die Chinesen, um ihr Image in Europa zu verbessern”, sagte Doris Fischer – China-Expertin im Deutschen Institut für Entwicklungspolitik. Bei chinesischen Infrastruktur-Unternehmen besteht ihren Aussagen zufolge grundsätzlich das Problem, dass sie bisher nur über wenig internationale Erfahrung an westlichen Märkten verfügen. “Sie haben in der Regel am einheimischen Markt erfolgreich Projekte gestaltet, wo die rechtlichen Rahmenbedingungen weniger rigide sind als in manchen europäischen Ländern”, erklärte Fischer. Diese mangelnde Erfahrung schaffe dann vor Ort die Probleme. “Kulturelle Probleme können das noch verstärken”, so die Expertin. Insgesamt werde das den Vormarsch der Chinesen aber nicht aufhalten, weil das Wirtschaftspotenzial einfach zu groß sei.
“Generell gilt, dass chinesische Unternehmen, die nach Europa drängen, Lernkurven durchlaufen und sich mit den hiesigen Marktmechanismen und Geschäftsgepflogenheiten noch besser vertraut machen müssen“, sagte Rainer Gehnen – Geschäftsführer der Deutsch-Chinesischen Wirtschaftsvereinigung. Die besten unter ihnen erfüllten aber bereits internationale Managementstandards. “Und finanziell werden die Unternehmen solche misslungenen Projekte auch aushalten, weil sie sich auf eine starke einheimische Kapitalbasis stützen können.”
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July 11th, 2011
WARSCHAU - Polen – das größte östliche EU-Land – entwickelt seine Tourismusindustrie immer weiter. Die Zahl der Übernachtungen ist im ersten Quartal des laufenden Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 6,3 Prozent auf rund 1,7 Millionen geklettert. Eine besondere Rolle spielen die Gäste aus Deutschland, die seit Jahren unangefochten den ersten Platz von allen Touristen einnehmen. „Der westliche Nachbar ist seit vielen Jahren der mit Abstand wichtigste ausländische Quellmarkt für Polen“, sagte Klaus Klöppel – der Sprecher des Polnischen Fremdenverkehrsamtes in Deutschland. Der Anteil der deutschen Touristen liegt seinen Aussagen zufolge seit Jahren bei über 35 Prozent. Das ist so viel, wie sämtliche Gäste aus den alten EU-Ländern zusammen. „Umgekehrt ist Polen nach einer aktuellen Studie der ‚Forschungsgruppe Urlaub und Reisen‘ für deutsche Touristen das sechstwichtigste Auslands-Reiseziel - und zwar gleichauf mit Frankreich“, erklärte Klöppel.
Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die reiselustigen Deutschen sind der größte Nachbar im Westen Polens mit einer langen gemeinsamen Grenze von knapp 900 Kilometern. Viele Deutsche haben ihre Wurzeln im heutigen Polen. Und viele Städtepartnerschaften verbinden beide Länder. Einige Deutsche fangen auch erst jetzt an, dieses touristische Ziel zu entdecken. Ein wichtiger Punkt: Das Preis-Leistungsverhältnis ist dort für sie besonders günstig. „Polen ist einerseits vertraut und sicher, aber anderseits noch ein bisschen exotisch“, führte der Sprecher weiter aus.
Dabei haben sich die Besucherstrukturen haben in den vergangenen Jahren stetig verändert. Früher waren es überwiegend ältere Reisende, die meist in Gruppen ihre frühere Heimat besucht haben. Jetzt unternehmen die über 50jährigen Fahrrad-, Kajak- oder Segeltouren in den nordöstlichen Masuren. Sie übernachten bevorzugt in die zahlreichen Wellness- oder Schlosshotels – beispielsweise an der Ostseeküste in der Touristenstadt KoÅ‚obrzeg (Kolberg) oder in der nordöstlichen Region Warmia (Ermland). Doch nicht nur die Älteren zieht es nach Polen. Jetzt kommen auch vornehmlich junge Leute, die in die polnischen Großstädte Warschau oder Wroclaw fahren. Diese verfügen über eine ausgeprägte Studenten- und Nachtszene.
„Generell überwiegt bei den Reisenden der Erholungsaspekt“, sagte Klöppel. Zuwächse gibt es seinen Aussagen zufolge aber auch bei Städte- und Kulturreisen zu verbuchen. Hier hatten sich die Aktivitäten des „Chopin-Jahres“ aus dem vergangenen Jahr positiv ausgewirkt. Polen hatte mit zahlreichen Konzerten und Veranstaltungen den 200jährigen Geburtstag des polnischen Komponisten gefeiert.
Das Angebot unterscheidet sich hingegen noch sehr von dem eines westlichen Landes. Grund: Gemessen an der Zahl der Objekte und an den Zimmerzahlen ist die Bedeutung internationaler Ketten immer noch gering – auch wenn Starwoods, Hilton oder Marriott seit Jahren schon in den Großstädten wie Warschau aktiv sind. Die größte Hotelkette ist der einheimische Dienstleister Orbis mit 93 Hotels und fast 12.000 Zimmern. Danach folgt die polnische Gromada mit 19 Hotels und knapp 2000 Zimmern. Nach wie vor spielt die private Gastronomie eine bedeutende Rolle, die besonders ausgeprägt in den Ferienzentren an der Ostsee und in den Masuren vertreten ist.
EM 2012 soll Impulse bringen
Doch hat sich im Hinblick auf die EM2012, die Polen gemeinsam mit der Ukraine ausrichtet, hier einiges getan. Auch die Tourismus-Industrie erhofft sich durch dieses Ereignis wichtige Impulse. Die Zahl der Hotels soll bis dahin den Planungen zufolge im Vergleich zu 2006 um 40 Prozent auf 2.100 steigen. Die großen Hotelketten haben bereits jetzt verstärkt in Gdansk, Wroclaw oder Lodz in vier- oder fünf-Sterne-Hotels investiert. Doch letztlich bleibt die teurere Variante eher eine Seltenheit. „Allgemein steht natürlich immer noch der Bau von Budget-Hotels im Vordergrund“, unterstrich Klöppel. Polen wird eben doch bei seiner bisherigen Struktur bleiben, die darauf beruht, kostengünstige Leistungen anzubieten.
June 16th, 2011
WARSCHAU – Polen kämpft mit aller Macht um sein Image als solider Ausrichter der Fußball EM 2012, die das Land genau in einem Jahr zusammen mit der Ukraine organisieren soll. Premierminister Donald Tusk will Infrastrukturminister Cezary Grabarczyk feuern, wenn dieser nicht den termingerechten Bau wichtiger Autobahn- und Schnellstraßen garantieren kann, die für dieses Event notwendig sind. Der Regierungschef übernimmt dann höchstpersönlich die Aufsicht über diese Investitionen, um einen möglichen Vertrauensschaden bei der UEFA oder den internationalen Investoren vom Land abzuwenden, berichtet die einflussreiche polnische Tageszeitung „Rzeczpospolita“.
Hintergrund: In den vergangenen Tagen hatten immer wieder Meldungen die Einheimischen und die internationalen Medien erstaunt, dass sich Polen mit vielen Projekten massiv verspätet. Denn eigentlich hatte die UEFA die Vorbereitung in diesem Land immer ganz positiv bewertet. Und als Wackelkandidat galt eher die Ukraine. Die deutsche „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) hatte von einem „drohenden Debakel“ berichtet und damit einen negativen Widerhall in den polnischen Medien erzeugt. Es geht die Angst um, die Fans könnten nicht problemlos zu Stadien gelangen. Schließlich ist das polnische Autobahnnetz derzeit nur lückenhaft und mit gerade einmal 850 Kilometern eine einzige Katastrophe. Zum Vergleich: Deutschland hat 12.000 Kilometer.
Ein rabenschwarzer Zwischenbericht der Nationalen Kontrollkammer (NIK) über die EM-Vorbereitung, den die „Rzeczpospolita“ am Mittwoch veröffentlichte, hatte dann offenbar das Fass zum Überlaufen gebracht und Tusk zum Handeln bewegt. Diese Behörde kontrolliert, wie der polnische Staat mit den Steuergeldern umgeht. „Etwas mehr als jeder dritte Zloty von der Gesamtsumme, die im vergangenen Jahr investiert werden sollte, wurde auch tatsächlich verbaut“, heißt es. Polen habe nur 35 Milliarden Zloty (8,9 Milliarden Euro) anstelle der anvisierten 95 Milliarden Zloty (24 Milliarden Euro) verwendet, ärgern sich die Kontrolleure und präsentierten eine lange Liste von Projekten, die mit Sicherheit nicht rechtzeitig zum Anpfiff im Juni 2012 fertig werden.
Chinesen verärgern die Polen
Dabei handelt es sich um 14 Straßenabschnitte mit einer Gesamtlänge von rund 400 Kilometern – knapp 320 Kilometer davon sind Autotrassen. Darüber hinaus werde es auch nicht gelingen, einige Bahnhöfe wie geplant zu sanieren, mahnten die NIK-Beamten. Ebenso wenig wird ihren Aussagen zufolge der kleine Regionalflughafen in der westpolnischen Stadt Poznan (Posen) termingerecht modernisiert.
Besonders bitter stößt den Kontrolleuren auf, dass Autobahnabschnitte auf der Ost-West-Achse A2 nach Warschau nicht rechtzeitig fertig werden, weil die chinesische Bau-Firma COVEC am Montag überraschend den Vertrag gekündigt hatte. Gerade diese Kündigung hatte ein unangenehmes Echo in den Medien gebracht. Grund: Probleme bei der Bauausführung. Eigentlich hatte das Land gerade in die Chinesen große Hoffnungen gesetzt – war ihr Angebot doch sehr kostengünstig gewesen. Polen droht COVEC jetzt zwar mit horrenden Schadenersatzforderungen, doch letztlich bringt das nicht viel, weil man nicht weiß, wann der Abschnitt denn nun fertig wird. Polen, in das viele große Hoffnungen gesetzt haben, hat bereits Kratzer an seinem Image hinnehmen müssen – egal, ob Premier Tusk tatsächlich die Aufsicht über die Organisation an sich reißt oder sein Infrastruktur die Probleme doch noch in den Griff bekommt.
June 8th, 2011
WARSCHAU – Die Öffnung und Liberalisierung der Apotheker-Märkte erhitzt in ganz in Europa die Gemüter. Während die Deutschen noch intensiv die neue Apothekenbetriebsordnung diskutieren, hat sich das größte östliche EU-Land Polen bereits konkret entschieden: und zwar für eine massive Deregulierung. Staatspräsident Bronislaw Komorowski unterschrieb Ende Mai einen Gesetzesentwurf der Regierung, der unter anderem die Einführung fester Preise und Gewinnspannen im Großhandel für Medikamente vorsieht, die der Staat finanziell bezuschusst. Die Regierung wird noch die festen Preise für die Arzneien mit den Herstellern aushandeln, von denen die Höhe der Gewinnspanne abhängt. Diese wird dem Gesetz zufolge ab 2012 bei sieben Prozent vom Preis liegen. In den darauffolgenden zwei Jahren soll sie noch einmal weiter auf bis zu fünf Prozent gesenkt werden. Die neue Regelung soll ab Januar 2012 in Kraft treten. Die vom Staat bezuschussten Medikamente machen einen wichtigen Teil des Apotheken-Umsatzes aus.
„Die Einführung der festen Spannen bedeutet, dass die Preise für die vom Staat bezuschussten Arzneien weder darunter noch darüber liegen dürfen“, erklärte Gesundheitsministerin Ewa Kopacz. Ihr sind in der Vergangenheit immer wieder die Billigangebote mancher Groß-Apotheken bitter aufgestoßen, die solche Medikamente für ein paar Groschen angeboten haben. „Wir wollen endlich dieses Spiel mit dem Patienten beenden“, erklärte Kopacz den Sinn und Zweck des neuen Gesetzes. „Dabei bringen die großen Pharma-Ketten die polnischen Konsumenten mit extrem niedrigen Preisen dazu, vom Staat bezuschusste Arzneien zu kaufen – und das, obwohl es dafür eigentlich keinen medizinischen Grund gibt“, sagte die Gesundheitsministerin und Familienärztin.
Hintergrund: Die Polen gelten als Hypochonder, die leicht dazu neigen, Medikamente einzunehmen. Gesunde Lebensweise, Prophylaxe und viel Bewegung als wichtigste gesundheitliche Therapien wie in Deutschland sind hier weniger bekannt. Doch nicht nur die Patienten sollen damit geschützt werden, sondern auch die Selbstständigen. Sie sehen sich der verstärkten Konkurrenz von großen Pharma-Ketten gegenüber, die sich ausschließlich an der Gewinnmaximierung orientieren. Diese Händler sind hier zugelassen – anders als beim unmittelbaren westlichen Nachbarn. Insgesamt ist der Markt schon ziemlich dereguliert. Denn sogar internationale Einzelhandelskonzerne haben die Möglichkeit, in ihren Supermarkt-Filialen Arzneimittel anzubieten.
Dabei kommt dieses neue polnische Gesetz innerhalb der europäischen Diskussion über die Entwicklung der Märkte schon etwas überraschend, weil viele in Europa und auch in Deutschland gerade die Liberalisierung als das wichtigste Mittel ansehen, um für positive Impulse zu sorgen.
Gesetz verstößt gegen Wirtschaftsfreiheit?
Das sehen auch viele polnische Experten nach wie vor so. Und es sieht ganz danach aus, dass das letzte Wort in dieser Frage auch noch nicht gesprochen ist. „Dieses Gesetz könnte unvereinbar mit der Polnischen Verfassung sein“, gab denn auch der ehemalige Justizminister Zbigniew Cwiakalski zu Bedenken. Seiner Einschätzung nach verletzt es möglicherweise die Wirtschaftsfreiheit. Darüber hinaus droht der Regierung auch von den Monopolbehörden UOKiK Ungemach. „Die Einführung fester Preise und Gewinnspannen verletzt die Grundsätze des Freien Marktes“, sagte eine Sprecherin der Behörde, ohne zunächst konkrete rechtliche Schritte einzuleiten. „Ich habe Zweifel, dass ein solches Gesetz zu einem Land passt, das sich die Freie Marktwirtschaft auf die Fahnen geschrieben hat“, erklärte ebenso Irena Rej – die Vorstandsvorsitzende der Interessen-Vertretung der polnischen Pharmabranche IGFP.
May 27th, 2011
WARSCHAU - Das Jahr 2010 war für Polen und die einheimischen Versicherer eines der härtesten in der Geschichte überhaupt. Zuerst hatte der tragische Flugzeugabsturz des Staatspräsidenten Lech Kaczynski in Russland das gesamte Land in tiefe Trauer gestürzt. Dann – im Mai und Juni - brachten zwei große Flutwellen die Ufern der Oder und der Weichsel massiv zum Überlaufen und richteten große Verwüstungen an. Und schließlich legte der strenge Winter im Dezember weite Teile der gesamten Infrastruktur im Land lahm und sorgte für weitere Zerstörungen.
Die Gesamtschäden in Milliarden-Euro-Höhe belasten die Polen noch heute. Jetzt im Mai des laufenden Jahres beschäftigt sich die Regierung immer noch mit den Auswirkungen dieser Naturkatastrophen. Und hat endlich ein neues Gesetz erlassen, um zukünftig besser darauf vorbereitet zu sein.
„Die Regierung kann nun im Fall einer Flut eine Verordnung herausgeben, auf der einer Liste von den Gemeinden und Ortschaften steht, die vom Hochwasser oder anderen Katastrophen betroffen sind“, heißt es in einer offiziellen Erklärung. Für sie sollen einheitlich die Vorschriften gelten, die die Beseitigung der Schäden regeln – und das bis zu zwölf Monate.
Damit vereinfacht Polen seine bisherigen rechtlichen Grundlagen. Das Land ist unter Insidern für seine ausufernde und ineffiziente Bürokratie bekannt. „Denn bisher musste für jeden einzelnen Fall eine Art Sonderrecht geschaffen werden, auf deren Grundlage diese Vorschriften zur Schadensregulierung angewendet werden konnten, um die Hilfen zu gewähren“, erklärt die Regierung. Allerdings gilt diese neue Verordnung nur dann, wenn die Katastrophe so groß ist, dass die Hilfen von den Gemeinden und den Regierungsvertretern vor Ort nicht ausreichen, so das neue Gesetz.
Land reagiert endlich auf Katastrophen
Polen hat damit endlich die richtigen Konsequenzen aus einer Naturkatastrophe gezogen und die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessert. 1997, als das Land erstmals seit sehr langer Zeit wieder vom Hochwasser verwüstet worden war, hatte die damalige postkommunistische Regierung fast gar nicht reagiert. Diese Flut hatten die Behörden, aber auch die Einwohner, als eine Art Jahrhundert-Katastrophe angesehen, die sich wohl nicht so schnell wiederholen würde. Deswegen hatten danach auch viele wieder ihre Häuser und Wohnungen in den bedrohten Gebieten gebaut – ganz so, als ob nichts gewesen wäre.
Für die Einzelpersonen, die Opfer der Fluten geworden, hat die Regierung nun mit dem neuen Gesetz auch eine einheitliche Regelung getroffen. Sie sollen unabhängig von der Höhe ihres Einkommens eine Entschädigungssumme von 2.000 ZÅ‚oty (rund 510 Euro) erhalten, die sie nicht zurückzahlen müssen. Wenn man bedenkt, dass ein monatlicher Durchschnittslohn gerade einmal bei 3.500 ZÅ‚oty (etwa 890 Euro) liegt, dürften diesen Hilfen für die Opfer kaum einen praktischen Nutzen haben, sondern eher einen nahezu symbolischen Wert haben. Doch immerhin hat die Regierung etwas unternommen. Und auch betroffene Unternehmen sollen besser unterstützt werden und können steuerliche Vergünstigungen erhalten.
Kleine Unternehmen bekommen Darlehen
Und das ist noch nicht alles: Kleinere Firmen haben die Möglichkeit, ein Darlehen zu bekommen, um die Schäden zu beseitigen. Die Höchstsumme für diese finanziellen Hilfen beträgt 50.000 Zloty (rund 12.700 Euro) und ist für Unternehmen gedacht, die nicht mehr als 50 Mitarbeiter beschäftigen. Darüber hinaus kann ein Arbeitgeber, der aufgrund der Flut nicht in der Lage ist, seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Löhne zu zahlen, ein zinsloses Darlehen aus dem sogenannten FGSP erhalten. Dieser staatliche Fonds steht grundsätzlich Arbeitnehmern zur Verfügung, wenn ihre Arbeitgeber ihre Zahlungen nicht nachkommen.
Immerhin hat damit die Regierung jetzt die Initiative übernommen und versucht, das Problem besser in den Griff zu bekommen – auch wenn man Naturkatastrophen letztlich nie besiegen kann. Auch die Versicherer haben auf die Fluten vom vergangenen Jahr reagiert und ihre Geschäfte daran angepasst. Seit Herbst 2010 konnte man eine Preiserhöhung für Vermögensversicherungen beobachten. Die Unternehmen standen dabei besonders unter dem Eindruck der Verwüstungen in der südwestpolnischen Kleinstadt Bogatynia (Reichenau in Sachsen), die das Hochwasser in extremer Form heimgesucht hatte. Diese Stadt, die zu Euro-Neisse-Region gehört, hatte deswegen auch das verstärkte Interesse der Medien gefunden.
Versicherer verschärfen Risiken
„Wir und ein Großteil der Versicherer haben zusätzlich eine Verschärfung für die Risiken eingeführt, die im Zusammenhang mit dem Hochwasser stehen“, sagt Tomasz Szejnoch von Polskie Towarzystwo UbezpieczeÅ„ (PTU) – der polnischen Tochtergesellschaft der Gothaer Versicherung. Der Manager agiert als stellvertretender Direktor des Büros für Vermögensversicherung. Auf den Gebieten, die unmittelbar davon bedroht seien oder in denen die Fluten bereits 1997 und 2010 gewütet hätten, sei das Risiko vollständig ausgeschlossen worden, betont der Manager.
„Dort, wo man keine unmittelbare Bedrohung festgestellt hat, wurde es bedeutend verschärft“, erklärt der PTU-Manager. Allerdings war das nicht von großer Dauer: „Als der Winter 2011 zu Ende war, konnte man wieder im lokalen Bereich fallende Tendenzen bei den Preisen feststellen – einige Unternehmen haben wieder Dumpingpreise angeboten und auch die Verschärfungen verzichtet“, unterstreicht Szejnoch.
Dabei war bei den Versicherern immerhin eine Reaktion auf die Katastrophen zu erkennen. Bei den Kunden ist hingegen überhaupt kein Bewusstseinswandel eingetreten. „Die Schäden haben zu keinem massenhaften Anstieg des Interesses an Versicherungen geführt“, konstatiert Szejnoch von der PTU. Das Problem: Die Erwartung vieler Polen ist immer noch, dass der Staat im Falle von Hochwasserkatastrophen einspringt und Unterstützung leistet. Sie finden, dass sie ein Anrecht auf finanzielle Hilfen haben – unabhängig von einer Versicherungspolice.
Fazit: Das Katastrophenjahr hat zwar für eine erhebliche Bewegung in Polen geführt, auf die auch die Regierung reagieren musste. Grundsätzliche Änderungen für den Markt hat es aber nicht gegeben, weil sich die Polen nach wie vor auf den Staat als Helfer verlassen und nicht zusätzlich versichern.
May 23rd, 2011
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